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Ausstellung „Schneider, Kleider & Geschichten“

Gesundheitswäsche für den Papst und ein Jackett für Franz Josef Strauss? Der Schwarzwaldverein verrät mehr in „Schneider, Kleider & Geschichten“

Der Schwarzwaldverein Stühlingen wartet vom 1.- 17. Oktober 2021 mit einer neuen Ausstellung auf. Unter dem Titel „Schneider, Kleider & Geschichten“ lenkt er den Blick auf Geschichtliches, Kreatives, Handwerkliches, Künstlerisches, Modisches, Amüsantes, Hintergründiges und Ernstes zum Thema. Im Mittelpunkt stehen Menschen, die die Besucherschar durch ihre Geschichte(n) an ihrem Leben teilnehmen lassen.

Heute wandern Kleider schnell in den Abfall, bestenfalls in einen speziellen Kleidercontainer, zum Kleiderkreisel oder in den Secondhandladen. Die Ausstellung erzählt von Kleidungsstücken, die kein Wegwerfgut waren, sondern gehütet, gepflegt, oft weitergegeben wurden. Der vielzitierte Begriff der Nachhaltigkeit wird mit überraschenden Beispielen belegt. Die Schau füllt vier Etagen der Schür am Stadtgraben. Die gezeigten Exponate kommen aus privater Hand, aus Sammlungen, aus dem Ortsmuseum Hallau und dem Museum Schleitheimertal.

Geschichte der textilverarbeitenden Handwerksbetriebe und Firmen
Zunächst rückt das Ausstellungsteam die Geschichte der Stühlinger Schneider und Hutmacher im 19. und 20. Jahrhundert ins Auge. Das letzte Protokollbuch der Stühlinger Schneider (1797 – 1845), weitere Schriften aus dem Stadtarchiv, Hinterlassenschaften der Schneider selbst und Erzählungen vieler Zeitzeugen ermöglichen es, ein recht genaues Bild der einzelnen Werkstätten und ihrer Betreiber zu zeichnen.
Zum Thema passen auch die Stühlinger Hutmacher und Modistinnen. Ebenfalls thematisiert wird die Historie der Firma Steinmann & Co, die mit der von Franz Steinmann entwickelten Gesundheitswäsche „ANGO+SANA“ Furore machte und von 1952 bis 1975 für Arbeitsplätze im Wutachtal sorgte. Die meisten Beschäftigten waren Frauen.
Übrigens hatten geschickte Stühlinger Frauen bereits im 19. Jahrhundert ein gutes Einkommen. Es bestand die Möglichkeit, in Heimarbeit als Stickerinnen für Ostschweizer Textilfirmen tätig zu sein. Die heimischen Landwirte waren nicht begeistert, fehlten ihnen doch die Mägde. Und die Kirche fürchtete ob des eigenen Lohnes um die Sittlichkeit der gut verdienenden Weiblichkeit.

Von der Kluft der Gesellenbrüderschaften und weiterer Arbeitsbekleidung
Der zweite Ausstellungsbereich widmet sich der Arbeitskleidung. Anlass dafür war eine Skulptur der Gesellenbruderschaft „Freie Vogtländer“, die man vor dem Gasthaus im Weiler am Bahnhof Lausheim-Blumegg bewundern kann. Steinmetze der Vereinigung errichteten sie anlässlich eines Gesellentreffens im Jahr 2000. Dank der Wirtsleute Brigitte und Franz Duttlinger war es möglich, zu zwei mittlerweile einheimisch gewordenen, zuvor fremdgeschriebenen, also wandernden Gesellen, Kontakte zu knüpfen. Axel Hettich (Freier Vogtländer) und Daniel Mathys-Küster (Rolandsbruder) stellen nicht nur ihre Kluft als Exponate zur Verfügung, sondern haben auch viel Interessantes zu berichten.
Arbeitskleidung steht für Zweckmäßigkeit, aber auch Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe. Als Rätsel präsentieren sich im Obergeschoss alte und neue Ausstattungen, die durch entsprechende Figuren aus dem Erzgebirge ergänzt werden.

Kleider & Geschichten
Etwas ganz Besonderes bietet der dritte Themenkomplex. Hier geht es um die im Titel zitierten „Kleider & Geschichten“. Über fünfzig Personen aus der gesamten Region sind dem Aufruf des SWV gefolgt und haben ein für sie wichtiges Kleidungsstück gebracht und die zugehörige Geschichte erzählt. Jede einzelne ist spannend! Hier finden sich von A wie „Arnfrieds rotes Sakko“ bis Z wie „Zeigen, was man kann“ Anekdoten und Berichte über schwingende Petticoats, nachhaltige Kommunionkleider, luftige Umstandsmode aus alten Vorhängen und mehr. Patchworkgewänder aus der Flower-Powerzeit lassen schmunzeln, ein schwarzes Brautkleid verweist auf strenge kirchliche und gesellschaftliche Regeln. Selbst ein Pullover, der auf dem Gipfel des Matterhorns seinen Träger wärmte, ist dabei! Bereichert wird die Ausstellung durch Arbeiten des Holzbildhauers Lukas Schmid aus Eggingen. Ebenfalls mit von der Partie ist ANRA. Die Künstler Andreas und Ralph Hilbert präsentieren das Objekt Mister X und T-Shirts aus der ANRA ART FACTORY.

Sissis Erben flanieren durch Schür und Schürgarten
Das breitgefächerte Programm bietet eine Ausstellungswanderung, Stadtführungen auf den Spuren der Stühlinger Schneider sowie drei Vorträge. Dabei geht es um „Kleidergeschichten vom Röschenhof“ (Veronika Keller) und „Schneckenhüsli für das Garn der Gräfin und Bauernkriegsausbruch 1524. Eine Spurensuche“ (Andreas Mahler). Des Weiteren gibt es eine römische Modenschau und für Kinder einen Bastelnachmittag unter dem Motto „Mode aus dem gelben Sack“. Am Samstag, den 9.10. kommen um 15 Uhr „Sissis Erben“ aus Villingen zu Besuch, um in historischen Gewändern durch Schür und Schürgarten zu flanieren und von der Mode der damaligen Zeit zu erzählen. Deren Leiterin Petra Haller lädt dann um 17.30 Uhr zum Vortrag „Rund ums Korsett“. Gespannt sein darf man auch auf die Ergebnisse des Vogelscheuchen-Wettbewerbs, die rund um den ebenfalls geöffneten Schürgarten gezeigt werden. Immer sonntags arbeiten Schneiderinnen und Schneider vor Ort.

Weitere Führungen sind auf Anfrage möglich. Informationen: www.schwarzwaldverein-stuehlingen.de

Die Ausstellung findet unter Einhaltung der Corona-Regeln in der Schür am Stadtgraben, Eberfinger Straße 3, in Stühlingen statt. Das Haus ist für alle Personen, die Impfung, Genesung oder Test nachweisen können, geöffnet. Für die begleitenden Veranstaltungen ist eine Anmeldung notwendig: Telefon 0049 7744 5629

Öffnungszeiten:
Samstag 15.00 – 17.30 Uhr
Sonntag 11.00 – 17.30 Uhr
Dienstag 19.00 Uhr Besuch nur mit Führung
Donnerstag 19.00 – 21.00 Uhr

Fotos vom Aufbau der Ausstellung

Fotos: Schwarzwaldverein Stühlingen

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