header_schwarzwald_9876

Von wegen Lockdown

Ein Blick auf den Wald im Schwarzwald nach Corona und Sturmtief Sabine

Sturmholz, Foto: K.-L. Gerecke

Corona hat dem Schwarzwald nach dem Lockdown einen bisher nicht gekannten Massenansturm beschert. Auf touristisch beworbenen Premium- Wanderwegen waren die geforderten Mindestabstände bei Begegnungen nicht mehr einzuhalten. Dazu gab es zahllose Beschwerden: Wegen überfüllter Parkplätze und von Wohnmobilen versperrter Waldeingänge, missachteter Absperrungen bei Holzerntearbeiten und wegen einer zunehmenden Anzahl unfreundlicher Begegnungen zwischen Wanderern und Radfahrern.  

Der Ansturm zeigt, wie wichtig unsere Wälder als Erholungs- und Ausgleichsraum gerade für eine städtisch geprägte Bevölkerung sind. Gleichzeitig ist die Bedeutung der Wälder für den Klimaschutz in einer breiten Öffentlichkeit angekommen. 2019 gab es, befördert durch die Fridays for Future-Bewegung, einen regelrechten Hype ums Pflanzen von Bäumen. 2020 scheint das Thema durch Corona eher in den Hintergrund gedrängt. Nicht alle wissen, wie es um den Wald tatsächlich steht und die wenigsten haben Vorstellungen von den Folgen klimabedingter Schäden für Waldbesitzer, die auf Erträge aus ihrem Wald angewiesen sind.

KLIMASCHÄDEN NUR IN „PLANTAGEN“?

Waldschäden, Foto: K.-L. Gerecke

Die Trockenjahre 2018 und 2019 mit sommerlicher Hitze und mangelnder Bodenfeuchte haben den Wäldern sichtbar zugesetzt. Gleichzeitig steht der Vorwurf im Raum, klimabedingte Waldschäden seien in erster Linie ein hausgemachtes Problem der Forstwirtschaft. Denn nur „Plantagen“ seien von Dürre- und Insektenkalamitäten betroffen, während der „Wald“, bestehend aus Baumarten natürlicher Waldgesellschaften, mit den Veränderungen klarkomme. Eine Betrachtungsweise, die ihren Ausgang im großflächigen Absterben Fichten-dominierter Wälder von der Eifel bis zum Harz genommen hat. Ein Blick auf den Schwarzwald zeigt, dass der Vorwurf in seiner polemischen Zuspitzung nicht zutrifft. Sicher ist nicht abzustreiten, dass auch im Schwarzwald Fichtenbestände unbekannter Herkunft und ohne Beimischungen anderer Baumarten wachsen und viele, nicht nur private Waldbesitzer, lange Zeit dem Brotbaum Fichte den Vorzug gaben. Diese Monokulturen waren schon immer erhöhten Risiken ausgesetzt und drohen jetzt in tieferen Lagen komplett auszufallen. Am stärksten betroffen sind die sonnenexponierten Lagen am Hochrhein und im Hotzenwald. Seit zwei Jahren treten jedoch auch in naturnahen Laubund Mischbeständen in ihrem Ausmaß bisher nicht gekannte Dürreschäden auf. Bis in Höhen von 700 Meter sind Weißtannen abgestorben, obwohl viele Tannenliebhaber die Tiefwurzlerin als Hoffnungsträger im Klimawandel empfohlen hatten. Auf trockenen und exponierten Standorten ist auch die Buche sichtlich gezeichnet. Und in den Hochmooren ist es so trocken geworden, dass örtlich auch die Spirke abstirbt – eine seltene und speziell an Moor-Standorte angepasste Kiefernart, die nirgends von Menschenhand gepflanzt wurde.

ERST DIE TROCKENHEIT – DANN „SABINE“

Holzlager, Foto: K.-L. Gerecke

Am 10. Februar fegte Sturmtief Sabine über den Schwarzwald und richtete vor allem im Südschwarzwald Schäden an, die örtlich die Sturmholzmengen von „Lothar“ (1999) übertrafen. Eine fatale Situation für alle betroffenen und besonders für die privaten Waldbesitzer, denn die Sturmholzmengen treffen auf einen europaweit von Schadhölzern überschwemmten Markt und auf Produktionsrücknahmen der Sägeindustrie infolge der Corona-Pandemie. In einem beispiellosen Kraftakt ist es den Waldbesitzern gelungen, die Sturmhölzer im Hochschwarzwald noch vor einem drohenden Käferbefall aufzuarbeiten und aus dem Wald zu bringen. Dafür wurden alle verfügbaren Nasslager aus der Zeit nach „Lothar“ reaktiviert – eine Herausforderung auch für die Genehmigungsbehörden: Denn die Hürden in Naturschutz-, Wasser- und Baurecht sind, allen Absichtserklärungen zum Trotz, deutlich höher geworden. Für alle im Wald Beschäftigten waren die letzten Monate das krasse Gegenteil zum sonst beobachteten Lockdown! Für Aufarbeitung, Abfuhr und Lagerung müssen Waldbesitzer in Vorleistung treten. Einnahmen kommen oft erst zu einem späteren Zeitpunkt, weshalb vielen Waldbauern Liquiditätsengpässe drohen. Die in den nächsten Jahren anstehende Neubegründung klimastabiler Wälder ist ohne Unterstützung mit öffentlichen Geldern nicht zu leisten. Die sind angekündigt und auch dringend notwendig. Denn ausbleibende Einnahmen aus dem Wald gefährden viele Betriebe, zumal sie aus Landwirtschaft und Tourismus nicht kompensiert werden können. Das hätte einschneidende Folgen für die Schwarzwälder Kulturlandschaft, mit der die Touristiker um Gäste werben. Ja, auch Wälder und ihre Bewirtschafter sind systemrelevant, das haben die Corona-Zeiten unter Beweis gestellt. Und vor dem Hintergrund des freien Betretensrechts ist das Prinzip „öffentliches Geld für öffentliche Leistungen“ mehr als gerechtfertigt.

DER ZUKUNFTSWALD

Wie soll es mit klimageschädigten Wäldern weitergehen? Blickt man auf die Schlagzeilen einschlägiger Medien, dann stehen sich widerstreitende Positionen gegenüber. Sie reichen von einem Sich-selbst-Überlassen mit Verzicht auf jede Schadholzaufarbeitung bis zur Pflanzung trockenresistenter Baumarten aus fremden Herkunftsgebieten. Einen gemeinsamen Nenner gibt es: Der Wald wird auch in Zukunft Wald bleiben, aber er wird sich verändern – mit oder ohne Zutun des Menschen.

Die beiden Extrempositionen haben durchaus ihre Berechtigung: Bannwälder, Nationalpark und kleinere Waldrefugien ohne forstliche Nutzung bieten die Möglichkeit, natürliche Prozesse im Klimawandel zu beobachten. Und auch Experimente mit bisher nicht heimischen Arten und Herkünften sind sinnvoll, solange sie sich auf wissenschaftlich begleitete Versuchsanbauten beschränken. Ansonsten sollten wir die Selbstheilungskräfte der Wälder nicht unterschätzen und vor allem einheimische Baumarten nicht vorschnell abschreiben. Gerade die Buche deckt im Schwarzwald mit ihrem hohen Verjüngungspotential trotz örtlicher Ausfälle von Altbäumen ein breites Standortsspektrum ab.

Für andere Baumarten ist eine Höherverschiebung ihrer bisherigen Verbreitungsgrenzen zu erwarten. Das gilt in tieferen Lagen für die Eiche und in den höheren für die Weißtanne. Auch die Fichte wird sich in den Hochlagen auf gut wasserversorgten Standorten behaupten können. Auf sonnenexponierten Südhängen kann die inzwischen eingebürgerte Douglasie als Ersatzbaumart einspringen. Das bedeutet für den Schwarzwald: Auch im Klimawandel hat der Bergmischwald seine Chance.

KLIMASTABILE MISCHWÄLDER

Ein „Klimaschutzwald“ muss immer ein gemischter Wald sein. Je größer die Baumarten-Vielfalt, desto geringer ist das Risiko, sollte eine Baumart ausfallen. Und wenn es um Klimaschutz geht, dann spielt gerade die Nutzung eines vor der Haustür nachwachsenden Rohstoffs eine Schlüsselrolle. Holz von Nadelbäumen und Eichen als Baustoff für hochwertige und langlebige Holzprodukte speichert Co2 über Jahrzehnte oder auch Jahrhunderte.

Viele Schwarzwaldhöfe oder auch der aus Weißtannen-Holz errichtete Dachstuhl des Freiburger Münsters sind dafür hervorragende Zeugen. Von wegen Lockdown Ein Blick auf den Wald im Schwarzwald nach Corona und Sturmtief Sabine Für Lesende mit forstlichem Hintergrund mag das nicht unbedingt neu klingen, entspricht es doch im Wesentlichen den Leitgedanken naturnaher Waldwirtschaft. Für andere könnte der Eindruck entstehen, dass es ja gar nicht so schwierig ist, alles im Griff zu haben. Doch ganz so einfach wird sich das nicht überall verwirklichen lassen. Auf manchen Flächen wird es künftig weder Schadholzaufarbeitung noch Wiederaufforstung geben. Die Gründe dafür sind vielfältig – von unzugänglichen Lagen über zersplitterten Kleinstbesitz bis zu fehlender Liquidität. Damit werden klimabedingte Waldschäden in der Landschaft sichtbar, und das für längere Zeiträume. Vielleicht ist es ja gar kein Fehler, dass sich gewohnte Waldbilder verändern – wenn dieser Anblick dazu beiträgt, unseren eigenen Lebensstil mit Blick auf die Klimaveränderungen zu überdenken. Auch da gibt es eine Parallele zu Corona.

Grundsätze für den Aufbau klimastabiler Wälder:

1. Zeit lassen und beobachten, was sich natürlich ansamt

2. Der Naturverjüngung Vorrang einräumen und Pionierbaumarten wie Vogelbeere, Weide und Birke mitnehmen

3. Baumarten mischen – mindestens drei Baumarten auf einer Verjüngungsfläche

4. Immer Baumarten der natürlichen Waldgesellschaften beteiligen

5. Pflegen, um Mischbaumarten zu erhalten und zu fördern

6. Pflanzen, wo klimastabile Baumarten mangels Samenbäumen oder infolge Konkurrenzvegetation nicht von selbst ankommen

7. Jagen, sonst lassen die Rehe den verbissgefährdeten Baumarten wie Eiche und Tanne keine Chance 

Autor: Karl-Ludwig Gerecke, Ressortleiter Natur, Kultur & Landschaft, Fachbereichsleiter Naturschutz; in: DER SCHWARZWALD 3/2020

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.